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19.01.1889 Rudolf Degkwitz (senior) geboren
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Mitte der 1920er Jahre kam es innerhalb des zum Bund Oberland umgewandelten Freikorps zum Umbruch, insbesondere Josef Römer stellte sich offen auf die Seite der Arbeiterbewegung und bekundete Sympathien für den Kommunismus. Auch Rudolf Degkwitz nahm Abstand von seiner ursprünglichen Position, setzte sich für die Weimarer Republik und die Parlamentarische Demokratie ein und vertrat schließlich „einen konsequent liberalen Standpunkt“. Ab 1919 war Degkwitz an der Universitätsklinik München als Kinderarzt tätig. Einen Namen machte er sich insbesondere durch die Erfindung der passiven Masernschutzimpfung. Degkwitz wurde 1925 Professor der Kinderheilkunde an der Universität Greifswald, ab 1932 Ordinarius für Kinderheilkunde an der Universität Hamburg und Chefarzt der Kinderklinik im Universitätskrankenhaus Eppendorf. 1933 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm Degkwitz in seiner Vorlesung gegen das aggressive Auftreten des nationalsozialistischen Studentenführers Wolff Heinrichsdorff Stellung und wurde daraufhin im Mai 1933 für ein halbes Jahr vom Dienst suspendiert. Gleichwohl unterzeichnete er am 11. November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und bemühte sich, obwohl er zwischenzeitlich aus der NSDAP ausgeschieden war, 1933 und 1937 erfolglos um einen Wiedereintritt in die Partei. Dennoch wandte er sich weiterhin öffentlich gegen die politische Entwicklung, er bezeichnete den Reichstagsbrandprozess im Herbst 1933 als makabres Schauspiel und sprach sich gegen Denunziantentum, Führerkult und die Militarisierung des Alltags aus. Er kritisierte die Reglementierung der Wissenschaft und der Kultur und engagierte sich als Christ und Humanist gegen Antisemitismus und die Verfolgung der Juden, wandte sich gegen die im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort praktizierte Kindereuthanasie und äußerte sich ab Kriegsbeginn offen gegen die sich „anbahnende europäische Katastrophe“. Zugleich war der Verfasser eines Beitrages über Vererbung und Disposition bei Infektionskrankheiten des von Just 1940 herausgegebenen Handbuches der Erbbiologie des Menschen. Ab 1940 gehörte Degkwitz dem Senat der Kolonialärztlichen Akademie der NSDAP an. Er unterstützte die candidates of humanity, eine Gruppe junger Ärzte am UKE, die in Opposition zum NS-Regime standen, und von denen ab Sommer 1943 im Zusammenhang mit der Verfolgung der Weißen Rose Hamburg etliche von der Gestapo inhaftiert wurden. Er intervenierte mit Protestschreiben gegen Vernehmungen und Verhaftungen. Degkwitz selbst wurde schließlich von seinem Kollegen, dem Dermatologen Paul Mulzer, nach regimekritischen Äußerungen angezeigt. Am 22. September 1943 wurde er verhaftet, zunächst im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel untergebracht und dann als Untersuchungshäftling in die Strafanstalt Berlin-Tegel verlegt. Am 21. und 24. Februar 1944 fand die Hauptverhandlung gegen ihn vor dem Volksgerichtshof in Berlin statt, er wurde wegen Wehrkraftzersetzung zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Roland Freisler, berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofs, verurteilte Degkwitz ausdrücklich deshalb nicht zum Tode, „weil er durch seine Masernprophylaxe 40 000 deutschen Kindern das Leben gerettet hat.“ Zur Verbringung der Haftstrafe wurde er in das Zuchthaus Celle eingewiesen; bei der Räumung am 8. April 1945 konnte er fliehen und bis Kriegsende untertauchen. Im Juni 1945 wurde Degkwitz von der englischen Militärregierung als Leiter der Hamburger Gesundheitsbehörde eingesetzt und nahm seine Arbeit als Chefarzt des Eppendorfer Kinderkrankenhauses wieder auf. Degkwitz sprach sich für eine rigorose Säuberung der Universität und des Hamburger Gesundheitswesens von (ehemaligen) Nationalsozialisten aus, konnte sich mit dieser Position aber nicht durchsetzen. Nach einem langen Aufenthalt in den USA, der von der Hochschulbehörde als Verletzung seiner dienstlichen Pflichten angesehen wurde, kam es zu heftigen Konflikten zwischen Degkwitz und dem Schulsenator Heinrich Landahl. Daraufhin entschloss Degkwitz sich 1948 zur Übersiedlung in die USA, wo er für die Firma Merck, Sharp and Dome tätig wurde. In einem Schreiben an den Hamburger Universitätssenat verwies er zur Begründung auf das Scheitern der Entnazifizierungspolitik: "Fast vollständig sind die ehemaligen Nationalsozialisten, die Ideenträger und Verkünder des Hitlerschen Evangeliums der Gewalt mit der Entschuldigung an die Universitäten zurückgesandt worden, dass sie nur 'Mitläufer' gewesen wären. Die Aufgaben der Universität und die Verantwortung der akademischen Lehrer sind aber so gross, dass es auch für 'Mitläufer' keine Entschuldigung geben kann." Degkwitz kehrte erst Anfang 1973, kurz vor seinem Tod, in die Bundesrepublik zurück. Gegen den an der Kinder-„Euthanasie“ beteiligten Kinderarzt Werner Catel erstattete Degkwitz 1949 und 1960 Anzeige, die Verfahren wurden jedoch eingestellt.

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18.01.2015
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