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16.11.1940 Der Berliner "Varietéstar" Claire Waldoff in Gera
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Portrait zum 50. Todestag von Claire Waldoff am 22.01.2007

Mit Marlene Dietrich soll sie eine Affäre gehabt haben. Heinrich Zille war ihr Kumpel, Kurt Tucholsky schrieb ihr Gassenhauer auf den pummeligen Leib, und am Klavier saß Walter Kollo. Wenn jemand als Berliner Original oder Herz mit Schnauze apostrophiert werden darf, dann Claire Waldoff. Mit Liedern wie "Hermann heeßta", "Wer schmeißt denn da mit Lehm?" und "Hannelore" war sie zu Kaisers Zeiten und in der Weimarer Republik berühmt und ein bisschen berüchtigt. Die "Times" hielt ihre Auftritte für eine Berliner Sehenswürdigkeit wie das Brandenburger Tor. Dabei kam die Kabarettistin noch nicht einmal aus der Hauptstadt, sondern aus dem Ruhrpott. Sie wuchs auch nicht im Zille-Milljöh der Berliner Hinterhöfe auf, sondern wurde 1884 als Kind einer Gelsenkirchener Großfamilie geboren. Damals hieß sie noch Clara Wortmann.
Eigentlich wollte Claire Waldoff Ärztin werden, entschied sich aber für die Bühnenlaufbahn. Nach Auftritten in Bad Pyrmont und in Oberschlesien zog sie mit Anfang 20 nach Berlin, wo sie ihre ersten Auftritte hatte. Im Kabarett feierte sie 1908 ihr Debüt. Claire Waldoff muss damals eine Aufsehen erregende Erscheinung gewesen sein: eine kleine rundlich-drollige Frau in Schlips und Kragen, die auf der Bühne eher trompetete als das sie sang, die aber auch poetisch und anrührend sein konnte, wenn sie etwa Tucholskys "Mutterns Hände" anstimmte. Angeblich war Claire Waldoffs Erfolg gleich so überwältigend, dass noch in der Nacht ihr Name auf den Plakaten groß gedruckt werden musste.
Ihre Biographie steckt voller Anekdoten. So soll sie das Wort "knorke"( toll) erfunden haben, als sie nach einem Reim für "Lorke" (Brühe) suchte.
Mit dem Maler Zille, der ihre leuchtend rote Haare mit einer Omnibuslaterne verglich, erkundete sie die Kneipenwelt. In ihren Liedern ging es um die einfachen Leute. Sie war frivol, ohne obszön zu sein, wie in dem Gassenhauer "Wegen Emil seine unanständige Lust".
Der Volksmund dichtete zur Zeit der Nationalsozialisten den alten Schlager "Hermann heeßter" auf den vornamensgleichen Göring um: "Rechts Lametta, Links Lametta und der Bauch wird imma fetta und in Preußen issa Meesta, Hermann heeßta". Das kam nicht gut an, Platten durfte sie nicht mehr aufnehmen. Auch das Claire Waldoff aus ihrem Faible für das eigene Geschlecht keinen Hehl machte, war in der Weimarer Republik zwar en vogue, aber entsprach nicht Hitlers Frauenideal.
Nach dem Krieg zog sich Claire Waldoff mit ihrer Lebensgefährtin Olly von Roeder ins Privatleben zurück und verarmte. Sie starb am 22. Januar 1957 im Alter von 72 Jahren in ihrem bayrischen Exil in Bad Reichenhall. Ihre letzte Ruhestätte in Stuttgart teilt sie sich mit ihrer Freundin.
(Quelle dpa / Berlin / OTZ)

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18.01.2015
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